Hilfsaktion der Ausbildungshilfe Indien für das Waisenhaus „Valentina's Little Heaven“
Ein Reisebericht von Hermann Potthoff
Januar 2009
Bei unserem letzten Goa-Urlaub mit Besuch unserer Patenkinder nahmen meine Frau Rita und ich auf Einladung des Vorsitzenden der Ausbildungshilfe Indien, Herrn Rudolf Schwartz, an einer feierlichen Veranstaltung in einem Waisenhaus anlässlich einer Hilfsaktion teil. Unser Besuch dort war ein weiteres schönes Indienerlebnis, das wir für berichtenswert halten.
Herr Schwartz und Frau Wolff, eine ständige Sponsorin der Ausbildungshilfe, hatten Schwester Valentina, Nonne und Leiterin dieses Waisenhauses im Süden Goas bei Colva, im Rahmen der Ausbildungsförderung von zwei Mädchen kennen- gelernt. Im Gespräch mit ihr erfuhren sie von ihrem aktuellen Problem. Das Waisenhaus benötigte dringend einen Kleinbus, um die Kinder zu den weit entfernt gelegenen Schulen zu bringen. Bisher geschah dies auf der Ladefläche eines alten Lkw, was die Polizei jedoch inzwischen verboten hatte. Wie sollten die Kinder nun ihre Schulen erreichen? Die Not war groß, denn für die Bezahlung oder gar Beschaffung eines solchen Fahrzeugs waren keine Mittel vorhanden.
Das Waisenhaus wird von den Behörden zwar anerkannt, erhält jedoch keinerlei Unterstützung. Auch die katholische Kirche wollte das Haus nicht betreiben. Schwester Valentina ist deshalb aus ihrem Ordensverbund ausgeschieden und führt das Waisenhaus seither in Eigeninitiative im elterlichen Besitz mit großem Haus, allein finanziert von Spenden und unterstützt von der örtlichen Bevölkerung und der Kirchengemeinde. Zur Selbstversorgung wird auf dem zum Haus gehörenden Land Gartenanbau und Viehhaltung betrieben.
Angesichts der ausweglosen Situation starteten Frau Wolff und Herr Schwartz kurz entschlossen eine Spendenaktion zur Beschaffung eines geeigneten Fahrzeugs. Innerhalb von zwei Monaten hatten sie bei den ständigen Sponsoren der Ausbildungshilfe Indien sowie im Freundes- und Bekanntenkreis eine erhebliche Summe eingesammelt und selbst einen weiteren Betrag bereitgestellt. Mit diesen Spenden konnte dann durch die indische Tochterorganisation der Ausbildungshilfe Indien, der Indian Students Educational Aid Foundation (ISEAF), ein kleiner Schulbus erworben werden. Am 27. Januar 2009 war es soweit: Im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung wurde der Minibus an Schwester Valentina übergeben. Die Freude bei ihr und den Kindern war riesengroß, denn mit diesem Fahrzeug war nun die Beförderung zur Schule sichergestellt.
Zur Würdigung dieses spontanen sozialen Engagements waren u.a. auch der Sprecher des Goa-Parlaments, Herr Pratap Singh Rane, und die deutsche Kosulin in Goa, Frau Cecilia Menezez, erschienen, die den Spendern mit einer kleinen Grußansprache dankten. Herr Schwartz sagte in seiner Rede auch für die Zukunft die Unterstützung des Waisenhauses durch die Ausbildungshilfe Indien zu.
Wir selbst haben diese schöne Feier mit verschiedenen Tanz- und Gesangsdarbietungen der Kinder erlebt und hatten darüber hinaus Gelegenheit, einen kleinen Einblick in den vorbildlich geführten Betrieb des Waisenhauses zu erlangen, wo 82 Kindern ein Zuhause gegeben wird. Besonders gerührt waren wir beim Anblick von Schwester Valentina mit zwei Säuglingen in den Armen, die von ihren Müttern als uneheliche Kinder im Waisenhaus abgegeben worden waren.
Mit Schwester Valentina haben wir hier einen wertvollen Menschen kennen gelernt, der in aller Bescheidenheit und Selbstlosigkeit durch praktische Hilfe einen wirklich großen Dienst an elternlosen Kindern leistet. Welches Schicksal hätte diese Kinder sonst wohl erwartet?
Hermann Potthoff
Mein Besuch in Goa bei meinen Patenmädchen Shital und Merunnisa
Ein Reisebericht von Dr. Sabine Bentzien
Eine Freundin machte mich auf die Ausbildungshilfe Indien aufmerksam, und so kam ich zu meinen beiden Patenmädchen Shital (17 Jahre alt) und Merunnisa (20 Jahre alt).
Im Januar 2008 brach ich zu meinem ersten persönlichen Besuch der beiden nach Goa auf. Mr. Matthew vom ISEAF-Büro in Siolim hatte netterweise ein Zimmer für mich reserviert, was in der um diese Jahreszeit herrschenden Hochsaison gar nicht so einfach ist. Und Herr Schwartz war so freundlich, sich um einen verlässlichen Taxifahrer für mich zu kümmern: Alex holte mich vom Flughafen ab und war auch in den folgenden Tagen für mich „gebucht“.
Nach meiner ersten Nacht in „Joanita’s Guesthouse“, einer einfachen, aber sehr schönen Unterkunft nah am Strand, war ich am nächsten Morgen im ISEAF-Büro mit Mr. Matthew und meinen Patenmädchen verabredet. Als Alex und ich ankamen, waren sie schon da, und Shital hatte sogar ihre Mutter mitgebracht. Zwar kannten wir uns schon von vielen ausgetauschten Fotos, aber es war doch überraschend, wie zierlich die beiden wirklich waren, als sie strahlend vor mir standen und mir die Hand gaben.

Für den Tag des Treffens hatten die beiden extra unterrichtsfrei bekommen. Wir beschlossen also, die Zeit zu nutzen und gemeinsam einen Ausflug in den Norden zum Fort Tiracol zu machen. Auf dem Rückweg hielten wir an einem kleinen Restaurant, um zu essen und uns ausführlich zu unterhalten.
Shital möchte gerne Mathematiklehrerin werden. Ihr Vater war Automechaniker, ist aber vor ein paar Jahren gestorben, so dass die Familie kein eigenes Einkommen mehr hat. Für indische Verhältnisse wohnen sie aber immerhin in einem guten Haus, mit ein paar Zimmern, von denen sie eines fest vermietet haben, um die finanzielle Lage etwas zu verbessern. Shital und ihre Familie sind Hindus. Mit ihrer Mutter, der Mutter ihres Vaters, ihrer älteren Schwester und dem jüngeren Bruder lebt Shital in einem hinduistischen Viertel der Stadt Vasco. Sie ist ein eher schüchternes, sehr sympathisches und fleißiges Mädchen.
Merunnisa hingegen ist Muslimin und lebt in einem ärmlichen Haus mit zwei Zimmern in einem muslimischen Stadtviertel von Vasco, zusammen mit ihren Eltern, vier Schwestern und dem kleinen Sohn ihrer ältesten Schwester. Merunnisas Vater hatte vor kurzem einen Schlaganfall und fiel so als einziger Ernährer der Familie aus. Mittlerweile ist er soweit genesen, dass er auf einem Schiff als Koch angestellt wurde, aber das ist kein sicherer Arbeitsplatz und es ist auch nicht klar, ob er die Arbeit dauerhaft bewältigen kann. Merunnisa möchte gerne Ingenieurin werden. Sie tritt wesentlich selbstbewusster auf als Shital und wirkt auch weniger in der Tradition verwurzelt. Beide Mädchen sind sehr froh, dass sie durch die finanziellen Zuwendungen der Indienhilfe ihre Ausbildung fortsetzen können, ohne mit einem eigenen Einkommen die Familie unterstützen zu müssen.

Am Abend dieses Tages brachten wir zunächst Shital nach Hause. Ihre Oma umarmte mich sehr herzlich, man bat Alex und mich herein und stolz wurde mir die Familienkatze gezeigt (ich habe selber zwei Katzen, was der Familie bekannt war). Shitals Mutter bewirtete uns unterdessen mit Fruchtsaft und Keksen und brachte mir noch einen kleinen Blumenstrauß, den sie für mich gekauft hatte. Als nächstes brachten wir Merunnisa nach Hause. Bis auf den Vater waren alle da, und natürlich gab es auch hier etwas zu trinken und ein paar Bananenchips und viel Gelächter, bevor wir die Heimreise antraten.
Am darauf folgenden Sonntag war ich ein zweites Mal mit „meinen“ Mädchen verabredet. Alex und ich holten zunächst Shital ab. Dabei lernte ich nun auch ihre Geschwister kennen und zudem konnte ich ein selbst gekochtes Chana Masala (Kichererbsen-Curry) nicht abschlagen. Es war köstlich! Natürlich hatte auch Merunnisas Familie etwas vorbereitet – eine Süßspeise, zufällig mein indisches Lieblingsdessert! Dann brachen wir auf. Unser erstes Ziel war der Hindutempel Shantadurga. Da wir an diesem Tag zwei Hindutempel besuchen wollten, hatten wir auch Shitals Mutter eingeladen, mit uns zu kommen. Ich glaube, sie war recht glücklich darüber, da sie diese beiden in Goa berühmten Tempel noch nie selbst gesehen hatte. Merunnisa als Muslimin blieb im Auto (auch Hindus setzen keinen Fuß in eine Moschee), während Shital, ihre Mutter und ich den Tempel besuchten und die beiden auch Blumen opferten.
Als nächstes fuhren wir zu einer Spice Farm, wo wir einiges über verschiedene Gewürze erfuhren. Außerdem lud ich die beiden Mädchen dort zu einem kurzen Elefantenritt ein. Shital hatte zunächst etwas Angst, aber Merunnisa war gleich Feuer und Flamme und riss in ihrem Enthusiasmus Shital einfach mit. Einmal auf dem Rücken des Elefanten, hatten die beiden sichtlich Spaß daran. Danach besuchten wir den zweiten Hindutempel Shri Mangesh und zum Schluss fuhren wir nach Alt-Goa, um die dortigen Kirchen anzusehen. Hier kamen beide Mädchen mit, und Merunnisa erzählte stolz, dass sie als Muslimin auch schon auf einer katholischen Schule war.
Als wir die Mädchen dieses Mal nach Hause brachten, ging ich bewusst nicht mit ins Haus, denn sonst wäre uns der Abschied nur unnötig schwer gefallen. Seit ich zurück in Deutschland bin, fragen sie in jedem Brief, wann ich wiederkomme. Beide Mädchen möchten, dass ich beim nächsten Mal mehr Zeit mit ihnen und ihrer Familie verbringe, was ganz in meinem Sinne wäre. Ich habe selten das Gefühl gehabt, dass mein Geld so gut angelegt ist wie bei der Ausbildungshilfe Indien, und kann nur jeden ermuntern, dort eine Patenschaft zu übernehmen.
Dr. Sabine Bentzien
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